Art und Geschreibsel
von Lotta Blau & Freunden

Wirkung und Ursache

Träumen wir? Träumen wir alle schlecht, ja Furchterregendes? Ist das die Wirklichkeit? Die Realität? Morgens sehe ich in die Sonne. Dieses Licht des Himmels, das scheinbar ewig aus der Dunkelheit aufersteht. Die Sterne sind am Tag verblasst, sie schweigen im Licht und leuchten ihre Umrisse durch die Nächte. Nichts bleibt ihnen verborgen. Sie ruhen gerne neben den Köpfen, auf den Kissen. Sie flüstern über die Lider ihr Vergissmeinnicht. Die Nächte haben künstlich geschaffene Schatten. Sterne leuchten auf Schubladen, auf Kleidung, spiegeln noch immer tätowierte Haut, sie leuchten auf Schornsteine und zerfallene Mauern, leuchten die Zeilen der Gesetze entlang und balancieren über einst gesagte Schwüre und Worte. Sie beginnen zu singen, zum einen  Himmel und zu den vielen Göttern, der nur einer ist. Aber wer will uns verstehen, sagen sie. 

Die Zeit ist relativ und doch bleibt sie stehen, jetzt, hier in diesen Jahren dreht sie sich zurück, tut sich immer schwerer, die Balance zu halten. Die Zeit verliert ihr Gleichgewicht und droht zu stürzen. In die Finsternis zurück. Finsterland. Ich renne in meinem Kopf hin und her. Es kann doch nicht sein. Ich renne und renne und erschöpfe mich selbst, mein Geist stolpert über mein Herz. Sie fallen, ich falle- ich halte mich fest. Ich will ja gar nicht denken, was kommen könnte, ich will ja dran glauben, immer noch, dass Menschen in anderen Menschen Menschen sehen. An einem Schaufenster stand es wie damals: Juden unerwünscht, an den Türen und den Wänden Sprüche und Sterne, Todeswünsche. Woher kommt dieser Auswurf des Hasses, wo ist der innere Ursprung, geht es mir durch den Kopf. Mir wird schwindelig. Wir sind doch alles Menschen, für eine so kurze Zeit, dann verschwinden wir wieder. Werden Asche oder verrotten im Grab.  

Erschrecken Sie nicht, sagte kürzlich jemand bei einem Begräbnis zu mir, und hielt mir ein kleines Säckchen mit seiner Asche hin, ob ich es noch einmal anfassen möchte. Nein, ich konnte es nicht, warum auch. Den Menschen gibt es nicht mehr als physischen Körper, nur noch in meinen Erinnerungen. Im ewigen Bilderbuch der Erfahrungen. Meine Mitmenschen, meine Mit-Menschen, meine Menschen, eure Angst klettert hoch und runter in mir. Ich stelle mir vor, wie es sein muss: das SCHONWIEDER und IMMERNOCH. Die gepackten Koffer und die Frage wohin. Wie lange, wann?

Die Suche nach Ruhe sucht einen Ausweg aus dem Schmerz.  Die Gedanken wollen in die Freiheit, in die Sicherheit, fliehen. Sie laufen im Kopf herum, wie ein wild gewordenes Tier, das vorher friedlich schlief und auf das Mantra im Kopf vertraute: Es wird nie wieder so sein. Es wird nie wieder. Es ist ja auch da, am Tag, bei Licht, in der Sonne und dann brüllt das Tier dazwischen, lärmend wie tausend Flugzeuge: Mach doch die Fenster in deinen Augen auf! Öffne den inneren Schutz! Kaum hatte ich das getan, da stürzte jeden Tag ein wenig mehr das Vertrauen in eine Wahrsagerin im Kopf. Ich habe es dir ja immer gesagt, sagt sie und ihre Hände greifen in die Luft, zu den schlafenden Sternen.  Irgendwo muss doch ein Tor zum Wahren sein, ein Weg zu anderen Köpfen, die fragend diese kommende Finsternis hinterfragen, sich dagegenstemmen, ihr das Helle, das Licht entgegenhalten, die der Bitternis den Weg versperren. Du hast mich belogen, sagte ich zur Wahrsagerin. Das Tier ist wenigstens immer ehrlich gewesen. Aber du sagtest, es braucht dich nicht zu kümmern. Die Finsternis ist vorbei, trotz aller immerwährenden Gefahren eines Wiederbeginnes. Sei beruhigt, lehn dich zurück, so hör doch auf mich. Und jetzt? Immer wieder findet man irgendwo Weltkriegsbomben oder Granaten. Dann müssen alle im Umkreis der eventuellen Detonation aus ihren Häusern, müssen alles verlassen. Noch immer weht der Gestank des Todes und der Zerstörung die Wände entlang, aber niemand weiß heute mehr, wie das stinkt. Niemand will heute mehr in kalten Kellern überleben oder die Gasmasken aufsetzen müssen. Aber es passiert doch gerade überall. Dein Herz blutet ja schon, schreit mich das Kopftier an. Deine Gedanken morsen ihre Bilder in Tag und Nacht.

Meine Leinwand bleibt still. Sie zittert im Rhythmus der Wolken. Ich kämpfe mit ihr. Sie lässt mich nicht in Ruhe. Sie erzählt und erzählt, aber in mir ist etwas verstummt. Es reift in mir, dieses Verstummen und bricht dann heraus, voller Farben, voller Zweifel und Trauer oder Liebe und doch wieder der vergebliche Griff nach Begreifen. Viele Hummeln flattern wie kleine Schmetterlinge von Lindenblüte zu Lindenblüte vorm Fenster. Die Pappelsamen fliegen, decken die Erde mit ihrem weißen Flaum zu. Samen, Leben. Irgendwo einen Ort zum Atmen finden, wachsen und gedeihen. Die unglücklichen Kinder von damals, sind heute die Hassenden. Nein, viele, aber nicht alle. Jeder kann glücklich werden. Das stammt nicht von mir, sondern von Alfred Adler. Ja, jeder Mensch hat das Glück in sich, auch wenn es  so oft unauffindbar bleibt, wenn der Lebenssschmerz es scheinbar erstickt hat, wenn die verletzten Kinderschuhe auch noch im Erwachsenenalter nach dem Weg zum Glück fragen. Ursache und Wirkung, oder die Wirkung als Ursache. Damit erscheint alles anders. Wir produzieren laufend irgendwelche Gründe. Heute wäre ein guter Tag Frieden zu künden, aber wir produzieren Hass und Gewalt, produzieren Gründe das Leben dem schlechten Fraß hinzuwerfen. Jeder von uns wirft dadurch sein Leben weg, statt die Rose im Herzen zu gießen. Huldigung des Todes, statt die Jahre des Bleibens zu umarmen und zu küssen. Produktion der Wirkung für die Gründe - ich kann dich heute nicht lieben, weil …aber ich liebe dich, trotzdem. 

Die leere Leinwand auf meiner Staffelei füllt sich mit Lichtschimmer. Hast du es jetzt endlich verstanden?, scheint sie zu fragen. Nein, ich verstehe es nicht. Liebe bleibt immer unverständlich, Mystik, etwas Unlösbares, auch, wenn sie rational erklärbar ist, ist sie es doch nicht. Ich versuche sie ja mir selbst immer zu erklären, finde Antworten, manche bleiben, andere verwerfe ich wieder. Und warum ist das so? Weil jeder Mensch in seiner Traumwelt lebt. Sie hält uns am Leben. Wir erträumen uns Möglichkeiten, Fragen und Antworten, stellen uns den Körper des Geliebten vor und wie sich seine Haare auf den Armen aufstellen, wenn es ihn fröstelt oder zärtliche Berührungen alles vergessen lassen. Sein Mund, seine Lippen, die Wörter aus seinen Tiefen auftauchen, vielleicht manchmal das Kopfbilderbuch verlassen, um auf Reise zu gehen. Das verletzte innere Kind will doch endlich ausruhen, will schlafen, will dich in die Arme nehmen und dich trösten, dich heute, du Erwachsener. Das Vertrauen in dir liegt in Scherben und noch immer sammelst du sie auf, noch immer rufst du nach deiner ganz eigenen Sicherheit, Tag für Tag und Nacht für Nacht, schläfst schlecht und atmest dabei flach. Wenn du geliebt wirst, kannst du damit nicht umgehen und kannst dich nicht fallen lassen, weil deine Angst verletzt zu werden, deine Gründe produziert, um dich wieder zu lösen. Aber, wenn du fortgestoßen wirst, dann ist es für dich bekannt, dann beginnst du zu lieben. Du musstest als Kind ja um Liebe immer nur kämpfen und kamst dir so oft fortgestoßen vor. Liebe einfach geschenkt zu bekommen, dass erzeugt bei dir eine Art Übergriffigkeit und suggeriert etwas Schwaches. Ich sehe dich, ich sehe deine Suche. Das Kind will endlich schlafen, es ist müde. Jeder kann glücklich werden, auch wenn es in dir so oft regnet.
Die Pappelsamen treiben im Sonnenlicht, wie Funken. Werden es Feuer oder wird dieses Lichtspiel erlöschen.  Werden bald wieder gefährliche Scheiterhaufen des Unpassenden brennen? Kunst, Kultur, ja selbst die Stimme unter Verdacht stehen? 

Würde die Würde..

Die wunden Herzen sitzen in den Uhrenkästen, die inneren Kinder weinen, viele sind wütend, auf Vater oder Mutter oder auf beide, aber die Zeiten der Antworten sind vorbei, jetzt sind die Jahre vergangen. Jetzt hat jeder die Macht selbst in der Hand und nicht mehr die, die verletzt haben. Hole dir dein Leben zurück. Du konntest nichts dafür, du warst ein Kind. Du hast keine Schuld, du warst richtig, wie du warst. Ich seh die Menschen, seh in die Gesichter. Oft frage ich mich, was sie wohl erlebt haben, oder wie sie als Kinder ausgesehen haben könnten. Dann sehe ich die Hassenden, ihre Gesichter, wie diese verzogen sind, wie verhärtet, ihre Münder zusammengepresst. Ihre Blicke, ohne Emotionen, wie mechanisch. Es ist nicht nur die Angst, die die Logik verdrängt, sondern auch der Hass. Ein Mensch kann einen anderen Menschen nicht entmenschlichen, ihm das Menschsein absprechen. Wir sind alle als Menschen geboren. Auch, wenn es geschehen ist, auch wenn das Menschsein immer weiter ins Maschinelle gedrängt wird, auch wenn die verwaltete Welt die Menschen nummeriert, bleibt es dabei: Mensch ist und bleibt Mensch. Allem Hass, aller Vernichtung, aller Kriege, aller Bösartigkeit zum Trotz. Es ist und bleibt Mensch gegen Mensch, also immer auch gegen sich selbst gerichtet.


Würde die Würde…


Lotta Blau/ Mai 2026

Fotos @ Lotta Blau