Art und Geschreibsel

von Lotta Blau & Freunden

Nachtgedanken

Die Rolltreppen in der U-Bahn-Station spielen ihren Sound durch die Nacht. Sie transportieren dich hoch oder runter, wie im Leben. Auf und ab und auf und ab. Eine Maus huscht über den blank geputzten Boden. Sie will an mir vorbei und traut sich nicht. Verschwindet schließlich in eine andere Richtung. Ob sie sich verirrt hatte? Wer weiß das schon. Es ist nach Mitternacht. Düsseldorf ist irgendwie nie still. Geräusche, Gespräche und kürzlich einer, der auf dem gegenüberliegenden Steig herum brüllte. Die Stadt platzt aus allen Nähten. Das Gefühl von Enge macht sich tagsüber in mir breit. Übervolle Busse und Bahnen, volle Straßen. Müdigkeit macht sich bemerkbar. Diese Stadt hört nie auf zu pulsieren, presst ihre Unruhe durch die Stunden. In der Bahn ist es laut. Ich sitze zwischen drei Telefonierenden und setze meine Kopfhörer auf. Das tut gut. Ruhige Klänge. Vom All aus sieht man das nächtliche Leuchten der Städte. Als hätten Spinnen ein Lichtnetz über die Erde gewebt.
Die letzte tiefschwarze Nacht habe ich in der Eifel erlebt.

Ich schaue während der Fahrt hinaus, sehe die Lichter in den Häusern, die mich mit einem grau gewordenem Gesicht ansehen. Die Stadt altert. Sie ist müde, wie die Menschen, die in ihr leben. Schlafen, im Traum das Schöne und Sanftmütige umarmen. Vergessen das ganze Elend und all die Plagen der Menschheit. Die hören nie auf. Aber das Schöne eben auch nicht. Schönheit, was ist das? Gibt es sie überhaupt, da sie ja im Auge des Betrachters liegt? Symmetrie soll Schönheit sein? Das glaube ich nicht. Ich glaube, dass Schönheit etwas mit der Einstellung zum Leben zutun hat. Ich finde zum Beispiel verwelkte Rosen schön, die ihre Blütenblätter schon verloren haben und dadurch das Innere zum Vorschein kommt. Vielleicht liegt dort die Wahrheit eines Gedanken. Offen und verletzlich. Wahrheiten sind immer verletzbar und oftmals verletzten sie. Aber sie retten auch, die trösten und können lieben, ja Liebe erschaffen, leider auch das Gegenteil. Eine Rose, die sich aus ihrer Blüte geschält hat, hat das Leben erlebt und den Prozess zum Sterben durchwandert sie, umhüllt von Pergament aus dem All geformt. Dort bildet sich auch das neue Leben. Im Schoss der Grundsubstanzen.

Eine Narbe kann schön sein und ist nicht das ganze Leben, neben all dem Positiven, voller Verletzungen, Unebenheiten und Asymmetrie?  Eine blühende Rose ist auch wunderschön, stimmt. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich nicht mit Äußerlichkeiten zufrieden geben will. Dort, wo der Mensch sich nicht mehr verstecken kann, sich entblößt, dort, wo Sein oder Nichtsein wie ein Uhrwerk zwischen Höhen und dem Grund pendelt, dort sitzt der Charakter. Dort ist ein Ort des ganz Eigenen, das sich in Lumpen oder in prachtvolle Gewänder kleidet. Dort sitzt eine gewisse ungeschminkte Sprache, oftmals nicht gesprochen, sondern gedacht 

Viele Worte denken wir nur, sprechen sie nie über die Töne aus. Aber sie sind in uns zu hören und über die Augen zu lesen. Dort sitzen auch die Phrasen. Dort sitzt das „Göttliche“ und dort sitzt Mephisto, ebenso, wie JEDERMANN. Wir sind jeden Atemzug unser eigenes inneres Theater.

Vorhang auf oder zu, Applaus oder Verriss.

Text und Bild Lotta Blau/ 2025