Art und Geschreibsel
von Lotta Blau & Freunden

Weimar, eine Stadt der Gegensätze

Teil I

Weimar. Mich zog es dorthin. Ich wollte unbedingt die Gedenkstätte Buchenwald besuchen. Möglicherweise stehen die Förderungen bald in Folge der politischen Wahlen und Veränderungen in Frage. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich ein derartiger Ort zum „ patriotischen Deutschtum“ bekennen wird. Im August 2026 war ich dort. Dort, wo Dietrich Bonhoeffer in einem Kellerloch eingesperrt war, und heute unmittelbar vor dem damaligen Steinbruch, eine Gedenkstätte für ihn und zwei Mithäftlinge eingerichtet wurde. Auf einem Berg gelegen war es zunächst recht kühl, dann im Laufe des Vormittags kam die Sonne heraus und ihr Licht legte sich auf die Mauerreste der einstigen Baracken, deren Flächen heute mit schwarzen Steinen bedeckt sind. Andere sind mit roten Ziegelsteinresten, wieder andere sind mit helleren Steinen, zugedeckt. Schwarze Steine…Schwarze Milch. Ich dachte an Paul Celan. Auch als ich am ehemaligen Steinbruch stand, dort wo so viele Häftlinge den Tod fanden. 

Immer wieder fand ich zwischen dem Schwarz, dem Kantigen, Spitzen und Scharfen, wilde Blumen blühen, die wie zum Trotz in ihren Farben der Blüten leuchteten. In einem der vier Winkel des Denkmals für die ermordeten Menschen wächst eine Pflanze, zwischen Licht und Schatten, die Blätter vom Wind bewegt, angelehnt an den Winkel. Freiheit, Schutz oder das Warten in der Enge auf den Tod? Ein Versteck oder eine Flucht? Trotz-DEM und Widerstand? Oder ein Halt im Kargen, auf den Steinen? Doch Wurzeln schlagende Zukunft, Aussagen, Zeugen? Die Fläche des Denkmals wird permanent auf 37 Grad gehalten, so wie die Körpertemperatur eines Menschen.
Ebenfalls im Außengelände die Gedenkstätte für die etwa 8000 ermordeten sowjetische Kriegsgefangenen im ehemaligen alten Pferdestall. Die SS hatte dafür eigens eine Genickschuss-Anlage installiert.

Auf dem Weg zum eigentlichen Lager und der umzäunten Gedenkstätte führte der Weg durch Wald. Es war noch immer still, aber die Bäume, durch den Wind angetrieben mit Stamm und Blätter vom Erinnern und Mahnen zu singen, waren nicht zu überhören. Manche von ihnen hatten einst alles mit angesehen. Über diesen Boden hauchte der Tod seinen Atem. Ein Klagelied.
Das Buchenwald-Lied wird nie aufhören hörbar zu bleiben. In einer Buchhandlung in Weimar stieß ich auf das Buch von Ines Geipel mit dem Titel Landschaft ohne Zeugen/ Buchenwald und der Riss der Erinnerung. Was darin zu lesen ist, hat mich erschüttert. Nein, das wusste ich nicht. Nein, das las ich vorher nirgendwo. Ich wusste nicht, dass es nicht schon schlimm genug war, dass solch ein Ort des Grauens und Todes existierte und dennoch als Ort der inneren feindlichen Strukturen diente. Zum Beispiel zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten und selbst die letzteren genannten in zwei Lager gespalten waren. Die einen mordeten und lieferten aus, die anderen stellten sich dagegen. Ich wusste nicht, dass untereinander auch noch selektiert und gemordet wurde. Das politische KZ-Häftlinge andere, in ihren Augen „Unpassende“ mit Injektionen töteten. Das ausgeliefert und denunziert wurde, und sich das eigene Überleben gesichert wurde. Sicher, die Rolle der Kapos…aber dieses Ausmaß? Nicht genug der Vernichtung. Wer mehr wissen möchte: bitte das Buch lesen. Es ist quellenfundiert und historisch gesichert. Quellen, die vom Staatsdienst der DDR geheim gehalten wurden, ebenso, wie die Bevölkerung nichts darüber erfuhr, so Geipel. Es geht auch um den Umgang mit diesem Ort während der DDR-Zeit, auch über jene Häftlinge, die mordeten, die nach Kriegsende hohe Ämter in der DDR bekamen.
Das Buch kaufte ich mir nachdem ich vor Ort war auch nachdem ich vor den Öfen stand und im Leichenkeller. Dort, wo noch immer die Haken aus den Mauern die Morde mahnen und die Holzleiter steht. Dort, wo schwarze Rohre, wie eine lauernde Spinne, die Decke und Mauern entlang kriechen. Ein Rohr beinah wie ein Gekreuzigter aussieht. Schwarz, an der Wand, Zeuge…Schuld, schuldig. Ob sie sich damit befassten, ob man ihnen ihre Morde ansah? Dem Bäcker, dem Hochschullehrer ohne Studium, dem Schreiner oder der Ärztin, die nachher eine leitende Position bekam?

Dort, wo mich fröstelte, mich die Trauer übermannte, mich das Licht durch das Kellerfenster hinderte geradeaus zu sehen. Im Nachbarraum die Öfen. Ich hastete vorbei. Fast so, als wäre es unanständig stehen zu bleiben und hinzusehen. Vielleicht können andere bestätigen, dass einmal diese Kälte, die ich vor den Öfen und im Leichenkeller empfunden, im Körper blieb. Dass mir das Licht der Blendung Tränen aus meinen Augen trieb, die aus der Bestürzung und der Befürchtung kamen, und die Wut in mir entlang kroch. Die Wut über den Zustand der Welt des Heute. Die Wut über das Schweigen, vertuschen von gestern und heute.
Immer, wenn ich an diesen Ort denke, durchfährt mich seitdem ein Frösteln. Und mehr als je bin ich der Meinung, dass jeder, ab einem bestimmten Alter, vor Ort eines ehemaligen Konzentrationslagers sein sollte, denn wenn nichts mehr dazwischen steht, dann kann es anders berühren, als in einem Buch, einer Erzählung, einem Film und so weiter. 

Ines Geipel jedenfalls beschreibt dieses Kältegefühl ebenfalls in ihrem Buch. Unfassbar, dass gegenüber des Krematoriums und des Leichenkellers, der Hinrichtungsstätte, ein zoologischer Garten samt Tieren für Angehörige der SS eingerichtet wurde. Dort standen Eltern mit ihren Kindern nur ein paar Meter vom Morden und dem Rauch aus dem Schornstein und besahen sich die Tiere. Unter anderem Bären. Diese Tiere wurden auch gefüttert, während ein paar Meter weiter die Menschen verhungerten, verdursteten oder hingerichtet wurden.

Ich wollte diesen Ort in meinem Kopf dokumentieren, festhalten, archivieren, denn die derzeitigen politischen Veränderungen sind alarmierend. Ganz besonders trieb mich aber das JETZT ERST RECHT!  Jetzt, da seit einigen Jahren wieder ganz offen vom Schuldkult gefaselt und das „patriotische Bekennen zum Deutschtum“ gefordert  wird. Da die Erinnerung immer mehr zur Seite gedrängt wird. Da der Geschichtsunterricht verändert werden soll. Heute, da sich der Fremden- und Judenhass wieder wie ein Virus weltweit verbreitet und immer abscheulichere Ausmaßen annimmt. Heute, da Menschen um mich Angst und Sorge hatten, die von meiner Reise und meinem Besuch der Gedenkstätte wussten. Zu oft liest man heute über Randale oder gar Angriffe, auch auf Gedenkstätten-Boden. Letztens, als sich jemand im Gespräch über Israel unterhielt oder der alte jüdische Mann, der an einer Ampel stehend zusammengeschlagen wurde. Mittlerweile gibt es unzählige Beispiele des blinden Hasses. Die Dummheit zündelt mit ihrer gespaltenen Zunge.

Sie haben es damals gewusst, denn die Zwangsarbeiter erzählten in den Fabriken unter Lebensgefahr von ihrem Leid in den Lagern. Eingehend dokumentiert ist dieses furchtbare Leid im Dokumentationszentrum für Zwangsarbeit in Weimar. Nicht nur ist dort nachzusehen, wie die Bevölkerung bespitzelt wurde und bei Zuwiderhandlung fotografiert und gemeldet wurden, was zumeist eine Strafe nach sich zog, sondern auch unter welchen Bedingungen die Zwangsarbeiter, die zumeist aus ihren Heimatländern verschleppt wurden, leben und arbeiten mussten. Frauen, die schwanger wurden und ein Kind bekamen, wurde dieses genommen. Oder aber es wurden bis zum sechsten Monat Abtreibungen vorgenommen. Im Falle der Geburt schaffte man das Baby in sogenannte „fremdvölkische“  Kinderheime“, legte sie dort ab und ließ sie verhungern. Im Bad, auf dem Boden, wurden die Kinderleichen gesammelt.

Sicherlich, Weimar ist eine herrliche, weltoffene und über die Maßen hinaus Kulturstadt, mit einer bewegenden Geschichte der Weimarer Verfassung. Goethes Gartenhaus, Goethes Wohnhaus, Schillers Wohnhaus, Theater, Bauhaus, aber eben auch Buchenwald und Zwangsarbeit. Zum jetzigen Zeitpunkt ist an Schillers Haus eine Faust-Ausstellung angegliedert. Im Faust finden sich so manche Ahnungen, die heute Realität sind. Homunkulus zum Beispiel. Ein künstlich geschaffenes Wesen. Heute doch aktueller denn je. Nicht nur auf den Transhumanismus aktuell bezogen und damit ist keinesfalls die Prothetik gemeint, sondern eine schleichende Umformung und Manipulation des menschlichen Wesens mit unguten Absichten. Und gestern? Da war der Geist aus der völkischen Flasche, mit seiner Rassenkunde und dem menschenverachtenden System und drängt sich schon wieder nach oben. Auch die Wissenschaft hat gemordet und trug auch nach dem Krieg diese Schuld mit sich, durch die Jahrzehnte hindurch. So zum Beispiel Firmen und das Robert-Koch-Institut, welches großes Interesse an medizinischen Experimenten im Konzentrationslager Buchenwald mit dem Ziel von Impfstoffentwicklung hatte. Involviert verschiedene Firmen.

Mephisto kennt tausend Gewänder. Aber unter jedem Gewand steckt Unmenschlichkeit, Terror, Tod, stecken Spaltung und Eigennutz, steckt der Wunsch Liebe, Freiheit und Frieden zu knechten, gar auszulöschen. Steckt der Wunsch die Würde zu zerstören, um sich selbst als Herrenmensch aufzuspielen, ja sein wenig vorhandenes Selbstbewusstsein dadurch aufzuladen. Es steckt die geschickte Täuschung dahinter, auf die noch immer viele Menschen hereinfallen.
Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers stand einst ein Baum, genannt Goethebaum. Viele Häftlinge glaubten, wenn der Baum fällt, fällt auch Hitler. So war es dann auch. Heute existiert von dieser alten Eiche nur noch der Stumpf, auf dem einige Gedenksteine liegen. Unweit davon befindet sich eine Dauerausstellung. Dokumente über medizinische Experimente, den Galgen vom Hof, Zeugnisse über die aus fünfzig Ländern stammende Menschen, die in Buchenwald inhaftiert waren.
Aus Wien holte man sogar die jüdischen Menschen aus Altenheimen.

Manche sagen, man solle alle diese Orte abreißen. Bäume sollen auf diese schmerzerfüllte und blutende Wunderde gepflanzt werden. Doch all diese Reste von Mauern, all diese Erde, sie ruft doch noch immer nach Gerechtigkeit und nach Wahrnehmung.
In den Ziegeln steckt der Atem der Toten. Es sind die Spuren, die in und mit uns gehen sollten, damit so etwas nie wieder passiert.
Solche Orte dürfen keine Schweigeorte werden! Wir dürfen nicht schweigen!

Lotta Blau/ Sep.2026