Art und Geschreibsel

von Lotta Blau & Freunden

 

Manfred Pawlik, gegen das Vergessen, für Vermittlung

Es muss erzählt werden, was war und was wahr. Die Wahrheit will ersucht werden. Das Lernen daraus versucht. Geschichte ist etwas, was nie altert. Sie behält ihr Gesicht, das sie zeigte.

Was ist denn Gerechtigkeit? Was ist Recht? Was Urteil und was Moral oder Würde? Sind dies alles nur große Worte, die etwas Großes beschreiben? Hat die Moral etwas im Recht zu suchen? Es scheint, es ist Vieles dem Selbst-gefällig geworden. Umso mehr nun die großen Worte auf ihren dünnen Eisdecken eingebrochen sind. Da will sich jeder retten. Jeder sich selbst, sein Selbst. Tue ich damit Unrecht? Denn schließlich gibt es ja auch die Anderen, die reflektieren und damit auch der Komplexität der Geschehnisse Aufmerksamkeit schenken. Die Gefahren erkennen und versuchen gegenzusteuern? Sie müssen heute wieder Angst haben, die Zweifler, die Fragenden, die Selbst-losen. Man zerstört ihre Existenzen, man diskreditiert sie, man verleumdet und beschmutzt sie wieder. Kurz, man versucht sie zu zersetzen und auszuschließen. Alles doch bekannt, alles schon mehrmals da gewesen...Das Recht kann ihnen heute nicht mehr oder sehr bedingt helfen. Es ist wieder ein brüchiges Gerüst geworden, das sich der Politik zu beugen hat. War das nicht alles schon? Durch die Jahrzehnte donnerten die Warnungen, die nur noch Wenige hören wollten. Beinah nichts ist heute von der Glaubhaftigkeit übrig.

Recht und Unrecht, oder wie Kästner einmal schrieb: Wert und Unwert eines Menschen. Seine Bücher wurden zweimal verbrannt. Das erste Mal am 10.05.33 und dann 1965 in Düsseldorf am Rhein vom Bund entschiedener Christen, unter Aufsicht der Polizei und begleitet von der Presse. Man stelle sich das nach all dem Furchtbaren mal vor! Kästner ist quasi zweimal gestorben und wieder auferstanden.

Heute brennen die Worte schon und wo man Worte verbrennt oder prügelt, da lodert der neuerliche Scheiterhaufen der Freiheit schon begierig auf. Die Masse nimmt es hin. Die, die das nicht tun, davon fühlen sich Viele machtlos, hilflos und wie auf einem anderen Planeten. Es waren ja immer jene, die in Gruppen oder als Einzelne aufrecht wurden oder von Beginn an waren. Es waren immer mehr, als man sich erahnen kann. Von vielen Widerständlern hat man heute noch immer nichts gehört. Man hatte das Thema ja auch satt, wurde gesagt. Es solle endlich einmal Ruhe sein damit. Die Ignoranz wuchs, die Bösartigkeit auch wieder.

Was für ein Segen sind dann Menschen, die sich auch heute noch der Wahrheit und Zeitzeugen bemühen. So, wie Manfred Pawlik. Allein sein Buch DIE WEISHEIT DER FRAUEN ist ein geschichtlicher Schatz. Und auch ein widerlegender, denn es gab viele Menschen, die auf unterschiedlichste Weise Widerstand leisteten. Und gerade viele dieser Aufrechten waren Frauen, über die der Autor schreibt. Sie lebendig werden lässt. Da ist Schwester Anita und Maria Stromberger. Erstere lernte der Autor persönlich kennen und schildert diese Begegnungen. Von den ermordeten Kindern im Spiegelgrund ist die Rede, ebenso, wie vom Leiden durch das Schweigen nach den Verbrechen und dem Krieg, von Vereinsamung derer, die reden wollten, wie Maria Stromberger, von Edward Pys`, dem sie das Leben rettete, Hildegard von Bingen oder die Schilderungen seiner Frau über ihre Krankheit, als sie bei Schwester Anita am Tisch im Kloster saßen. Fotos unter anderem von Schwester Anita. Ich betrachte sie lange und sehe eine Frau mit offenen, klaren Augen, die ja bekanntlich auch das Innere spiegeln. Ich sehe auch eine gewisse Strenge. Maria Stromberger lächelt und strahlt Fröhlichkeit und Wärme aus.

Er schildert auch sein Leben, sein Eigen-Leben und sein Er-Leben. Als sogenanntes Trümmerkind, wie ich immer zu jenen Nachgeborenen sage, noch im Krieg oder danach geboren. Seine Berichte, seine Empfindungen sind auch Zeugnis. Er ist ein glaubhaft, lebendiges Notizbuch. Ich lese sehr gerne und beinah schon begierig in ihm, dem Buch. Es ist ihm wohl ein Bedürfnis mitzuteilen. Und für mich ist es Glück und Zuversicht, wider dem Vergessen, Verdrängen oder Untersagen.

Ich habe lange überlegen müssen, wie genau ich den Text einleite. Das Thema schien mir zu verflochten. Es schien mir zu einfach direkt auf den Autor zu kommen. Ich überlegte hin und her. Erinnerte mich an meine Worte: Es braucht den anderen Verstehenden all dieser Wunden. Wenn alles wegbricht, was ein Miteinander, eine Gesellschaft ausmacht, dann ist es vielleicht der einzige Weg an das Gewissen zu appellieren. Die Vernunft wird ja oft als etwas Bremsendes gesehen, dabei gibt es verschiedene Formen der Vernunft. Es kann vernünftig sein, seinem Gewissen zu folgen oder aber vernünftig der Vernunft wegen folgsam zu sein. Zu gehorchen. Letzteres ist dann abgekoppelt vom Gewissen. „Man hat ja nur getan, was verlangt wurde! Folge der Vernunft ohne Widerwort.“ Oder aber: Sei vernünftig...höre ihm zu, was er zu sagen hat und dann entscheide. Es ist ein Glück, gewissenhaft vernünftig sein zu können, wenn man es will.

39. Bedürfnisse

„Bedürfnisse zu haben, die nicht meinem Denken und Handeln zugänglich sind, sind sinnlos. Als Baby habe ich gelernt, mich zufrieden zu geben und für mich zu sein, mitten im Krieg, krank im Kinderspital zu liegen und auf bessere Zeiten zu warten. Geweint habe ich, aber nur kurz, weil es sinnlos war. Onkel Emmerich, bekannt für seine Sprüche, meinte, wie lebhaft der Bub ist, jetzt hat er wieder mit einem Auge gezwinkert. Das Nichtsein und das Nichtstun ward mir in die Wiege gelegt wie auch das Heilen. Ich kannte schon früh das Tao, ohne wissen zu müssen, dass es ist.

So ist es heute wieder. Ich erinnere mich. Ich kann nichts tun, ich schaue und es erheitert mich, wenn die Vögel mich beobachten, ob ich sie beim Futterpicken störe und ich stelle mich zum Teich und warte, bis die Frösche quaken. Im Wald beobachte ich den Wuchs der Bäume und ich lächle, wenn sie sich ineinander schlingen und ich frage mich wie die Teichschnecken mit den Kaulquappen auskommen, das werde ich bei Gelegenheit sehen. Ich kann nichts tun, nur schauen.

Ich beobachte die Schachzüge der Mächtigen und ich frage mich, wie sie dabei leben. Ich sehe es an ihren Gesichtern und ihren Gesten, ob sie ihren Machtgelüsten nicht trotzen können oder in ihrem Tun bescheiden sind. Im Zerrspiegel der Öffentlichkeit zeigen sich die Charakterzüge unabweisbar deutlich, in der Bewegung, im Tonfall und im süchtigen Tun. Wenn ein Mächtiger nach einem Buch von mir verlangt, weiß ich es zu schätzen, weil der, über den ich schreibe, tiefsinnig ist.

Ich bin ein Totgesagter. Schon bei meiner Geburt. Da war es gefährlich. Der Arzt sagte zu meiner Mutter, sie sind ja noch jung, sie können ja noch andere Kinder bekommen, als ich kurz aufschrie, sagte er, ah, der lebt lebt ja, und so entging ich dem Schicksal als Kübelkind. Oftmals wurde ich totgesagt, ich erlebte diese Phasen als Tod und Wiedergeburt als auferstandener Mensch. Gerade jetzt wieder in der Coronapandemie werde ich von Teilen der Familie und Freunden als Totgesagter behandelt, wie wenn man schon überlegen würde, welchen Nutzen man aus meinem Abgang haben könnte. Es zeigen sich die wahrhaft Liebenden, wie meine Frau und mein Sohn und einige wahre Freunde, die mir oft auch unerwartet ein neues wunderbares Leben gönnen wollen, eine Verpflichtung mit einem Nichtstun oder Selbsttun einen wunderbaren Höhepunkt unserer gemeinsamen Kunst des Malens und Schreibens, des Archivierens unserer bildenden Kunst, von Büchern und historischen Gegenständen inmitten unseres Naturgartens, der ein Weckruf im Kampf gegen den Ökozid sein wird, zu erben. Ich freue mich, und ich schaue und tue, wie ich atme, ohne etwas tun zu müssen. Es geschieht ganz von selbst, ohne es wissen zu müssen.

Wer des folgenden Tages am wenigsten bedarf, begrüßt ihn am freudigsten, sagt er.“

Manfred Pawlik, Autor, Verleger, Sozialwissenschaftler, Pädagoge, Gründer der Akademie Sonnberg

„Was ich tat, war Menschenpflicht und leider nur ein Tropfen ins Meer. Ach, alles ist so lebendig, und die Erinnerung an jene Zeit wird wohl nie verblassen.“

Maria Stromberger

Lotta Blau, Juni, 2021