Lilablaue Einsamkeit unter der Glasglocke
„ Ich bin müde", sagte er. Es sah wieder die Krähe. Wie jeden Tag, so saß sie da, wie jeden Tag und krächzte wie jeden Tag, und die Bahnen fuhren an ihm vorbei und ratterten über die Gleise, wie jeden Tag. Manchmal wunderte er sich, wie viele Menschen in solch eine Bahn passten. Sie stiegen aus und bildeten eine sich bewegende Masse. Manchmal sah er nur die Köpfe hoch und runter wippen, als wären sie irgendwelche Holzfiguren auf einem Jahrmarkt. Er sah das Treiben der Stadt von seiner ganz eigenen Bühne. Auf der Bühne war er ganz allein.
Diese Masse der Menschen war wie ein eigenes Uhrwerk, das sich bemühte, mit den Zeigern mitzuhalten. Von seiner Bühne aus sah er die Menschen ganz anders. Er sah auch die Häuser anders, auf denen tagsüber die milchgelbe Sonne schien und nachts das Mondlicht die Dächer verschluckte. Er sah die ein oder andere Katze umherschleichen. Manchmal gesellte sich eine Taube zu ihm oder sogar mehrere. Sie hatten sich an ihn gewöhnt und er sich an sie. Nachts wandelte sich der Himmel zu einer Glocke. Diese riesige Glasglocke umhüllten ihn und den Himmel, die Dächer und die Katzen. Die Tauben hockten sich nachts in eine Ecke, als würde sie die ganze Welt bestrafen, als wären sie die schlimmsten Sünder. Lilablaue Einsamkeit unter der Glasglocke.
Und diese lilablaue Einsamkeit spiegelten sich auf den Gleisen, die nie zu Ende schienen. Unter seiner Glasglocke fühlte er sich sicher, er konnte die Welt sehen, und die Welt sah ihn. Sie blickte ihn an, mit großen, leuchtenden Augen, als wäre der Mond herabgestiegen.
"Der Krieg ist heute anders", hörte er sich sagen und seine Worte schallten wie ein Blitz unter der Glocke hin- und her. Da spiegelte der Mond die Soldatengräber auf das Glas und er war umschlossen von ihnen. Die Toten zeigten ihm ihre Gesichter, als sie noch lebten. Da atmete er auf, doch dann zeigten sie ihm auch seine Verletzungen. Die eben noch schönen und rosigen Gesichter hatten nur noch eine Gesichtshälfte oder Löcher im Kopf. Manchem fehlte ein Ohr oder ein Stück der Nase, manche hatten nur noch ein Auge oder gar keine mehr.
Er wollte schreien und hinaus aus der Glocke, doch die gab ihn nicht frei und sein Schreien konnte den Tod nicht umgehen, sondern kroch hinein und legte sich über die Herzen der Toten. Da sah er die zerschossenen Organe und die Angst und Trauer der Toten. Er sah die letzten Gedanken an ihre Liebsten oder den letzten Wunsch gerichtet hoch zum Himmel. Dann sprachen die Toten: “Der Krieg ist heute anders! Aber die Toten bleiben, auch, wenn sie Tote sind - immer und ewig und die Schuld bleibt - immer und ewig. Und die Nächte bleiben mit ihren Träumen und dem Tod und der Schuld. Die Furcht davor und die Qual der Schuld bleibt!“
Da öffnete sich die Glocke und die Toten verschwanden mit einem eisigen Gesang aus ihren toten Seelen. Der gefror die Tauben neben ihm und deckte die einzelnen, noch leuchtende Lichter in den Häusern zu und ließ auch sein Herz frieren.
Da sahen seine Augen neben den toten Tauben eine Blume aus der Erde kriechen. Sie kroch, als wäre sie ein Tier, über den eisigen Boden, ein Vergissmichnicht. „Der Krieg ist heute anders! Aber die Schuld bleibt und die lilablaue Einsamkeit, die bleibt.“
Lotta Blau/ 2026
