Art und Geschreibsel

von Lotta Blau & Freunden



Gedankenschiffe und der ewige Berg

Es lebt..das Herz spiegelt sich wie ein Tausendsassa, überdauert Kälte und Trockenheit. Ausgezerrt und staubig atmet es durch unsere Schritte. Egon Schiele kannte Rimbauds Trunkenes Schiff auswendig. Wir alle sind trunken. Trunken von trüben Tagen, denen keine Schwärze in all ihren Nuancen mehr fehlt. Sie schreibt sich brennend und ascheglühend über die Worte. Sie zerlaufen, wie Glut die Berge hinunter, auf denen wir mühselig die Hoffnungen hinaufrollten. Angetrieben dort oben endlich auf die Äonen des Besseren zu treffen. Die bemoosten Hände all der Zeit, in der der Mensch versucht das Gute zur Sonne zu rollen, bestückten die Herzflechten an den Abgründen. Ein Stein auf den Schultern gegen unzählige, die uns entgegen geworfen wurden. Fallen, stolpern und aufgeben sollen wir. Und trotzdem, wie oft auch und wie mühselig immer wieder der Aufstieg zum Menschlichen war, wie oft man uns unterwegs auf die Finger trat, in der Hoffnung, dass wir aufgeben, wie oft das Helle vergiftet wurde, damit der rollende Stein uns zerquetschen sollte und ihre geworfenen begraben...trotzdem...wir begannen immer wieder neu aufzusteigen. Hoffend auf Gerechtigkeit, wünschend die anderen Hände der vielen, die es gleich taten und aus anderen Ecken Gedankengefüllt aufeinander trafen und die Mühe auf sich nahmen. Wir alle, die daran glauben, das Schiffe auch ohne Wasser unterm Bug fahren können, dass sie in all dem bösartigen Stürmen nicht unter gehen, wir alle flickten die Segel immer wieder neu und wir rollten und rollten den Stein der Lasten auf unseren Schultern. Die Schiffe sind unsere Gedanken, unsere Wünsche, unsere Bitten und unsere Verzweiflung und der Tod all des Unrechts wusch seine Schwärze am verwitterten Schiffsholz ab. Doch wenn wir nicht weiter rollen und weiter Gedankensegeln, dann verwesen wir lebendig.  

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Was bleibt

was war ist vorüber
gestundetes Leben
tagein
tagaus
gearbeitet um zu leben
gelebt um zu arbeiten
Ruinpulsierte Herzschläge
rollen sich
über Traumvorhänge

die Großen werden es schaffen
die Starken, die Rücklagentresore

über die Kleinen
tanzt der Staub
und weht sie fort
als wären sie nie gewesen

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Wir brauchen eine Widerspruchskultur!

Als Juli Zeh ihren Roman Corpus Delicti schrieb, da zeichnete sie ein düsteres Bild einer gesellschaftlichen Norm, die über die Menschen gebracht werde. Sie nannte es Gesundheitsdiktatur. Wer seinen Körper nachlässig behandelt, der wird bestraft. Die Menschen stellen alle Freiheiten dafür hinten an beziehungsweise geben sie auf. Jeder Einzelne wird überwacht, dafür garantiert man Gesundheit und ein langes Leben. Ähnliches schrieb ich einmal in meinem Text: Die Flächen. Der Mensch gibt seine Freiheiten auf. Jeder bekommt nur noch ein gewisses und jeweils gleiches Maß an Raum. Darf diesen nicht mehr verlassen, wird aber vom Staat dafür versorgt. Es mangelt an nichts, nur an Freiheit und an Kommunikation mit einem anderen Menschen. Zunächst nimmt jeder es dankbar an. Schließlich braucht man ja ab sofort nie wieder Existenzängste haben. Aber nach und nach bemerken sie, auf was sie da hereingefallen sind und dass sie sich im Grunde selbst ausgelöscht haben.

Sicherlich konnte die Schriftstellerin nicht hellsehen, aber wohl die Richtung in der Gesundheitspolitik erahnen und kombinieren. Was wäre wenn? Und sind wir nicht längst schon vor Corona auf einem dünner werdenden Eis geschlittert, als könne es nie brechen und wir im eiskalten Wasser untergehen? Der Gesundheitswahn hat uns doch längst den Atem genommen. Du hast schlank, schön und gesund zu sein. Die Werbung propagiert uns tagein und tagaus, wie man Schönheit zu definieren hat. Übergewichtige Menschen sind verpönt, Kranke sind für die Pharmaunternehmen eine gute Einnahmequelle, aber für Gesellschaft und Wirtschaft eine Last. Man schämt sich selbst für ein Pickel und versucht es zu übertönen. Pickel sind igitt...denn sie sind ein Makel. Aber genau diese "Kleinigkeit" zeigt doch auf, wie wir zum Anderssein stehen. Wir - ganz in unserer eigenen Wahrnehmung und in unserem Selbstbild, aber auch, wie untertänig wir dem gefertigten gesellschaftlichen Zwängen und Normen unterliegen. Sie berieseln uns und wir lassen uns berieseln. Auch eine Art von Hörigkeit.

Zu Zeiten des Nationalsozialismus ging "Gemeinnutz vor Eigennutz", der "gesunde deutsche Volkskörper" war Pflicht. Wir sind heute weiter und kritischer, was derlei Unmenschlichkeit betrifft. Sollte man zumindest meinen. Denn wir haben in allen Fortschritten dennoch eine Zwiespältigkeit des Körperbewusstseins entwickelt. Und eine des Hinterfragens, denn wir wollen natürlich ins Gesamtbild passen, aber anderseits auch unsere Individualität sowohl vom Äußeren, als auch vom Inneren behalten und schützen. Wir haben prozentual gelernt uns zu behaupten, denn jeder hat ein Recht darauf sich und seinen Körper, so wie er ist, anzunehmen, mit all seinen Vorzügen, aber auch all seinen natürlichen Unterscheidungen vom jeweils anderen.Aber ist das so? Wirklich?

Unsere Existenz gehört uns allein. Niemanden sonst kann ein anderer Körper gehören. Weder Staat, noch Kirche, noch irgendeinem anderen. Wir geben davon ab, was wir wollen aber auch müssen. Die Wenigsten sind finanziell schließlich imstande zum Beispiel nicht arbeiten zu müssen. Also passen wir uns diesem Kreislauf an und beugen uns den Vorgaben, die der jeweilige Job von uns verlangt. Gesundheitsschädliche Schichtarbeit zum Beispiel, oder permanente flexible Erreichbarkeit. Wir "stylen" uns dem, was erwartet wird und schlüpfen in all diese Rollen.

Der passende Mensch hat sich aus dem Überlebenskampf geboren. Maßgefertigt von Wirtschaft und Politik. Aus diesen Anzügen fallen dennoch so viele hinaus. Auch und gerade die Armen.

Heute nun, da könnte man meinen, wir befänden uns inmitten des Romans von Juli Zeh, bloß mit ein paar Abweichungen. Man setzt jene, die Widerspruch gegen wage Maßnahmen erheben von einigen Medien, der Politik und was beinah noch verwerflicher ist von den Mitmenschen auf die gesellschaftliche Strafbank. Gleichschrittdenken wird erwartet. Reih dich fraglos ein, hinterfrage nicht, ordne deine persönliche Meinung dem !Gemeinwohl der Gesundheit! unter und sei es einer fragwürdigen Impfung, kritisiere nicht, sondern mach mit. Ansonsten bist du aus dem Gleichschritt und draußen und damit Zielscheibe von denen, die sich biegen und denen die verbiegen. Den Ausführenden und den Führenden. "Mächtig gewaltig, Egon!", würde die Olsenbande nun sagen. Genau: Mächtig und gewaltig. Wie David und Goliath.

Ob mit oder ohne Corona, es scheint verwerflich zu sein, einem normalen Vorgang zu folgen, nämlich dem Hinterfragen.

Man soll also hinnehmen, dass sich die Kanzlerin hinstellt und in einer Fernsehansprache verlauten lässt: Das Virus sei erst vorbei, wenn es eine Impfung gäbe. Kommt da nicht eine Frage auf? Woher kann sie vorher wissen, wie lange das Virus existiert oder wütet, wenn die Zahlen unvollständig (laut Drosten) und wenn überhaupt noch viel zu wenig darüber überhaupt zu wissen ist? Und kommen keine Zweifel und Fragen auf, wenn man die Gefährlichkeit des Virus propagiert und gleichzeitig immer wieder mal Menschen in öffentlichen Positionen im In-und Ausland sich offenbar nicht oder kaum selbst schützend vor dieser Gefahr verhalten. So ganz ohne Maske unter Menschen baden, an Wahlständen zusammen und dicht beieinander stehen, sich im Gerichtssaal so verhalten oder zu einer Debatte dicht an dicht gehen und uns Maskenlos im Fernsehen entgegen lächeln? Da fragt man sich, ob sie ihre Maßnahmen selbst glauben, ob sie selbst daran glauben, was sie uns aus ihren Hoheitstürmen ausrufen und in ihre selbst beschriebene Gehorsamsbibel gemeißelt haben. Und würden sie sich nicht gar und vielleicht genauso angst- oder respektvoll gegenüber dieses Virus verhalten, statt beinah sorglos?

Nein, so naiv kann selbst kein Ausrufer einer neuen Zeit nicht sein. Nichts wird mehr so sein, wie vorher. Auch, wenn man das schon durchaus offenbar vorher wusste, obwohl ja immer wieder betont wurde und wird, man wisse noch viel zu wenig. Man weiß also schon vorher, was nachher kommen wird und befragte offenbar täglich die Glaskugel der Hellseherplaner.

Da wir nun auch unter anderem mit Juli Zeh angefangen haben, kann man guten Gewissens auch auf ihr Buch: Angriff auf die Freiheit, welches sie mit Ilja Trojanow herausgebracht hat, hinweisen. Es wird der heutigen Hysterie gegen den Widerspruch gerecht.

Der Widerspruch der Widersprechenden ist gering. Wenn man von den Vernünftigen ausgeht und nicht von denen spricht, die die Situation zur weiteren Aushöhlung ihrer rechten Phantasien nutzen. Man muss es ja immer wieder betonen. Sonst landet jeder Kritiker in deren üblen Kochtöpfe und in den üblen Kochtöpfen der Hinnehmenden und Gehorchenden.

Eine Gesellschaft braucht auch eine Widerspruchskultur, ohne die keine Debatten möglich sind. Eine Demokratie lebt vom Widerstand, und dieser ist immer auch ein Warnzeichen, dass irgendwas in keine guten Bahnen gelenkt wird. Er ist aber auch ein Zeichen vom Wachsein und das haben wir nach unserer Geschichte mehr als nötig.Wer das unterdrückt, der hat die immense Wichtigkeit der mitdenkenden und mitfühlenden Menschen nicht verstanden oder will es nicht verstehen. Obrigkeiten hatten ja immer schon Schwierigkeiten mit Querulanten und Aufsässigen. Wer sich aber vor ihnen, den Kritikern, fürchtet, dem darf man wohl dann auch Eigenschaften von Unterdrückern unterstellen und mit gutem Gewissen an ihnen weiter zweifeln.Und sei es an einem Machtgefälle eines Staates.

Widersprechen wir also! Oder sagen wir: Einspruch Eurer Ehren der Politik und Wirtschaft. Bitten wir um öffentliche Audienzen und erhalten wir eine Widerspruchskultur im Namen der Demokratie!

Pflegen wir eine Wort-Kultur. Sie ist systemrelevant!

Lotta Blau

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Warum sich die Rechten über den politischen Missbrauch dieses Virus aufregen, erschliesst sich mir nicht. Die Einschränkungen nahezu aller Grundrechte, Angstverbreitung und Panikmache, Stigmatisierungen und Datensammelei, Behinderung und Verbot kritischer Stimmen,Gleichschaltung von Informationen, Nacht-und Nebelaktionen, um Gesetze zu ihrem Gunsten zu ändern, Denunziantentum und geplante Ausgrenzung von Menschen, Aussetzung von Wahlen...all das müsste doch das Paradies für sie sein! Liebhaber aller totalitärer Systeme kommen doch gerade auf ihre Kosten.

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Bildnis einer Geschundenen - Demokratie

Ich sehe sie jeden Tag, gehe mit ihr und sie neben mir her. Nachts vertraue ich ihr. Aber nicht mehr bedingungslos. Das ist verspielt. Sie hat es verspielt und die, die sie angreifen, sie würgen, die schütteln und verprügeln.

Ich will es nicht hören, wenn sie wimmernd in irgendeiner Ecke kauert und um Hilfe ruft, wenn sie ihre alten Lieder wieder und wieder unter erstickendem Schmerz durch alle Fenster und Türen weint. Ich will es nicht, aber sie trifft mich immer öfter.

Schaudernd und erschreckend, ja hilflos beinah hektisch, versuche ich sie zu ignorieren. Weil es mich schmerzt sie so zu sehen. Es ist nur noch so wenig von ihr übrig. Manchmal denke ich, dass sie nur noch ein dünner Faden ist, der haltlos im Wind herum flattert, wie eine hin - und her gebeutelte Fahne. Kein Mensch braucht Fahnen, aber Fahnen brauchen Menschen, die sie mit Stolz zum Himmel spießen und dabei die Wolken aufkratzen. Niemand braucht das. Stolz ist ein unwürdiges Wort für sie. Sie hätte sich anderes gewünscht. Ruhe, Frieden, Leben.
Jetzt sehe ich, wie sie sich einrollt und klein macht, weil sie immer weniger wird. Immer unscheinbarer ihr Wesen, das einmal so viel Hoffnung in ihr lebte, davon ist nicht mehr viel zu merken.

Beinah meine ich, sie ist am Ende ihrer Kräfte und dem, was sie alles richten sollte und was sie auszuhalten hatte, in ihrer doch recht unvollständigen Rolle. Nun wirkt sie auf mich nur noch wie ein Skelett, ein Knochengerüst, vollkommen abgemagert. Aber an ihrem Gerüst hängen sämtliche Anklagen...aller, die gelitten hatten.

Immer denk ich: Es wird einmal ein Tag kommen, aber er kommt und kam nicht. Einfach so...umsonst war es auch nicht, das Hoffen, Bangen und Wünschen. Das Sehnen, sie möge standhalten dem, was war und ist und dem was kommen wird.
Da bin ich mir nicht mehr sicher und spüre ihre, wie meine Unsicherheit. Die Schuhe, die man ihr viel zu rasch und schnell anzog und lieh, die waren zu groß und es musste ja so kommen: Sie rutschte mit ihren wackeligen, dünnen Beinen immer wieder aus ihnen heraus und tat sich dabei weh.

Man zog ihr ein weißes Kleid an, unter dem es blutete und das alte, geronnene Blut, es roch, ja es stank und immer, wenn ein Windhauch kam, und unter ihr getränktes Kleid wehte, dann hob sich ein süß-säuerlicher Geruch über die Laternen unter denen die Motten tanzten. Die, mit dem Totenköpfen drauf. Die sah man dann mit offenen Flügeln umher huschen und manche von ihnen setzten sich erschöpft auf den Boden. Einige wurden dann zertreten. Trotzdem wurden es nicht weniger, weil immer neue dazu kamen.

Tagsüber schliefen sie dann in ihren goldenen Haaren, die man zu Zöpfen geflochten hatte.
Der Mantel, den man ihr damals überzog, war aus vielen Stücken grob zusammengenäht und glich einem Flickenteppich. Schwer und muffig.
Egal, wie oft er gelüftet wurde, immer wieder lösten sich aus ihm Staub und Asche. Die Taschen voller Namen, mit farbloser Tinte auf schwarzes Papier geschrieben.
Sie sollte damit leben, fortdauern, sich erheben, sollte ein Anblick voller Zuversicht werden und wurde doch ein Jammerbild.
Ich sehe über die Dächer, manchmal. Abends oder in der Nacht und sehe, wie sich im Kalten der Rauch unter die Sterne erhebt. So eng beieinander und doch so weit entfernt - Rauch und Stern.
Und die Namen, die sie hinunterziehen, wie eine depressive Gestalt, die wie große, schwere Steine an ihr ziehen - sie zu Boden und Erde werfen, in ihren Manteltaschen werden und werden nicht weniger.

Sie hat es versucht. Ja, das hat sie. Aber eine reale Chance gab man ihr nie. Wie auch, wenn man ihr schon mit der Geburt das frühe Leid mitgab?
Jetzt liegt sie im Röcheln. Es schaut so aus, als wäre sie unheilbar. Kein Wunder, bei all dem Gift, was man in sie pumpt. Bekäme sie überhaupt einmal richtig Luft, hat sie jemals wirklich tief atmen können. Haben wir ihre Kräfte überschätzt? Viel zu viel von ihr, der Unvollkommenen und Unvollständigen gefordert, erwartet?

So schleicht sie, die Demokratie, über die Flure und schwankt dabei nach Atem ringend, will kein Kleid mehr und wirft ihren Mantel ab. Die Namen fallen in eine Regenrinne und waschen ihre Buchstaben hinein. Dann schwimmen sie in alle Richtungen und verbreiten sich rufend. Sie alle hatte sie zu tragen - sie alle, denen man Unrecht tat und sie alle wollte man verstecken, unter die Teppiche kehren. Aber sie, sie ist daran zugrunde gegangen.
Zu Tode? In unseren Armen- wird sie Abschied nehmen?
Es gibt so viele, die nur auf ihren Tod warten, die sich freudestrahlend schon zig Mal ausmalten, wie es sein könnte, wenn man sie endlich wieder begrub. Wenn man sie am Liebsten nie wieder auferstehen ließe...ihr keine neue Chance gab oder gar ihr jetzt wieder auf die Beine half. Viele, die schon die Kränze an ihre Türen hängend warten...
Die mit Demokratie nichts anfangen können, sie niemals verstehen oder gar hoffend lieben würden.
Sie, die Geschundene...

Lotta Blau


Einem guten Freund gewidmet


Das Leben erdrückt dich, sagst du. Du machst die Tür hinter mir zu und stolperst fast zum Fenster...reißt es hoch...

Luft! Luft!, sagst du.

Dein Atem schlägt an die Scheibe. Deine Lippen presst du darüber. Dann redest du, wie immer, beinah als hättest du keine Zeit mehr. Die Worte überschlagen sich ans Glas und formen merkwürdige Auswüchse daran. Draußen schaukeln sich die Äste von der alten Buche. Beinah reicht einer ihrer Äste  bis zu deinem Balkon. Dieser Baum ist überall bemoost und er schwächelt. Die letzten Hitzejahre haben ihm übel zugesetzt.

Du machst mit einem Ruck deinen obersten Hemdknopf auf. Dein weißer Kragen faltet sich nach links und rechts, als würden sich zwei Flügel von deinem Hals lösen. Dein Kopf lehnt jetzt mit seiner Stirn am Fenster.

Mir kommt es so vor, als wäre das Leben für die Kriege da. Vor allem für die Kriege in uns. Ständig bekriegen wir uns ...indem wir uns betrügen. Selbstbetrug pulsiert durch uns, wie Soldaten in einer Schlacht. Die ständig das Gewissen gefangen nehmen und es foltern. Ihre Gewehre sind gestopft, so wie unsere Adern voller Zweifelklumpen sind.


Löschpapier

Das einst Gesagte
das Geschworene, das Übergossene
über und über : Es soll nie mehr!

Freiheit, Recht und Mensch - sei endlich Mensch
die Herzen noch voller Munition
die Kriege in den Schuhen
über fahlen Gesichtern der Hunger

aber nun: Werdet und seid Mensch!
Jahr um Jahr fingen die Schöpfkellen
die Buchstaben der Würde
aus den Netzen
Worte töten
Worte heilen

bedeckt mit Löschpapier
verblassen die Artikel
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Wessen Brot ihr esst


Zeitlos geblieben

End-Los treiben

die Teufel ihre Meister

die Sterne vom Himmel

aus ihrem Rauch

zu peitschen


Dunkles regnet aus ihnen

tritt in vergangene Wunden ein

braundeutsches Eiter

verdrängt jedes Kreuz

das tragen musste


sie bedauern

und blenden selbst die Sonne

mit ihren Lügenzungen

die Kränze gefrieren über Nacht

an den falschen Tränen

jedes Wort auf ihnen

sagt sich nicht mehr

bleibt im Stacheldraht vor den Öfen hängen

und tötet sich abermals


Millionenfach


in die Erde

die unser täglich Brot backt


die Teufel graben

den Unschuldigen ewige Pein

esst das Brot

des Hasses

seid ihr satt daran

dann friert es ein


jederzeit

die Brandstifter

werfen es ins Feuer


Esst! Esst!

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Was sagten wir

Was werden wir morgen sagen
über das
was wir gestern dachten

werden wir noch zu sprechen wagen?
werden wir schweigend
das Gestern-Garn aufrollen
es nehmen und die Worte
wieder und wieder in blasse Unschuld spinnen

werden wir auf der anderen Seite
dem anderen noch anblicken?
was sagten wir damals
was...

und dachten wir
würden wir denken
dabei rollte uns nur wieder
der Stein den Abhang hinunter

wir waren einmal...
die Rollenden

jetzt tragen wir alle Worte
die gesagten um unsere Kehlen
sie springen und drücken
die Hälse zu

sagten wir nicht einmal...
dann wären wir aufrecht?
damals...bis Finsternis kam...
und uns umwebte

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Du Land du

willst du uns wieder treiben
willst du wieder die Sandstürme schicken
erstickend, austrocknend
über die Suchenden und Hoffenden
du Land du
ewige Wunde
die du immer wieder neu ans Kreuz nagelst
rostig und blutig
und du lässt uns tragen das Kreuz
mit all den Toten

dort hinten unter den Steinen
wächst sich Vergissmeinnicht im Glashaus
die Blüten immer wieder geköpft
die Samen im Wind verbrannt

Du Land du
aus deiner Erde geformt
wird Staub bleiben
geköpfte Asche deiner heiligen Lügen

wird es Zeit
in uns aufzuerstehen
die Schritte in die Lüfte
es hält uns das Wort
im Bittermantel den wir täglich kosten

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Systemrelevant

Land der Dichter und Denker
der Maler, Museen, Opern und Theater
Mahner, Reformer,Wortsänger
Einmann-Unternehmer
Bequeme und Unbequeme
jetzt erntet ihr politische Häme

was systemrelevant
zeigt sich in Aktien und Konzernen
euch hingegen liest man die Leviten
man läßt euch links liegen

es geht eher im Pferdegalopp
ins altgewohnte Narrenhaus

die Börsen schreiben auf ihre Kurse:

Applaus! Applaus!

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Frühling 2020

zwischen Menschen
Angst
Panik bei allergischem Niesen
in den Augen Wut
Distanzherzen wuchern
durch die Straßen
Gummihandschuhe zieren Blumen
wie ein teures Gemälde

Masken spiegeln sich in den Fenstern
vermummte Zukunftsfragen
Worte bedeckt
die Wolken schwellen
zu Gewitter ohne Regen
es fürchtet
im produzierten Schockzustand
die Entleerung seiner Gedanken

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